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3. Tag, Di. 09.07.
Schön Wetter, z.T. bedeckt. Am Spätnachmittag gewittrig, es ist aber kein
Gewitter gekommen.
Nach einem reichhaltigen Frühstücksbuffet brachte uns ein Kleibus Taxi hinauf zum Lago Luzzone auf 1.590m.
Der Fahrer kam zufälligerweise aus Kärnten. Wir geraten hier in der Schweiz an
einige Landsleute. Eine Anekdote am Rande. Wir sind in der Früh mit dem
Kleinbus losgefahren und dachten, dass alle dabei waren. Plötzlich ist mir
aufgefallen, dass unser Alfons fehlt. Tja, dann ging es eben nochmal zurück und
unser Alfons war natürlich überhaupt nicht verlegen und liess sich vom Wirt
des Albergo Olivone & Posta nachfahren. Tja wenn man zu früh ist wie wir
anderen ist man eben auch nicht pünktlich !
Nachdem Stausee ging es dann gleich
mal zur Sache. Steiler Aufstieg zur Capanna Motterascio "Michaela".
Dort sind wir noch kurz zugekehrt und dann ging es weiter zur Crap
la Crusch auf 2.259m. Die berühmte Greina Ebene lag vor uns und beeindruckte
uns mit ihrer Weite.
Die Greina ist eine einzigartige Landschaft im Alpenraum. Solche Hochebenen
trifft man ansonsten nur in Kanada, Alaska oder Skandinavien an. Es ist aber gar
nicht so selbstverständlich, dass wir dieses Stück Natur durchwandern durften.
Es sollte hier ein Riesen großer Stausee entstehen und für viele
Kilowattstunden sorgen. Die "armen" Gemeinden Vrin und Sumvitg, in
deren Gebiet die Greina gehört hatten bereits die Konzession zur Nutzung der
Greina Ebene erteilt. Zum Glück schafften es Naturfreunde dies zu verhindern.
Die leidtragenden waren natürlich die kleinen Gemeinden, die stark mit
Abwanderung der Einwohner kämpften. Wer mehr über den Kampf um die Erhaltung
der Greina Ebene erfahren will kann auf die Homepage
der Greina-Stiftung gehen.
Auf unserer Wanderung ging es weiter über eine eingestürzte Brücke auf die andere Seite des Rhin da Sumtvigt.
Dann mussten wir nochmals kräftig bergauf bis zum Pass
Disrut, 2.428m. Ein weiter Weg führte uns hinab in das Tal der Lumnezia.
Plötzlich stand bei einer Alp am Wegesrand eine Milchbar. Es hängen an Nägeln
einige Tassen und es gibt Milch, Joghurt und Honig. Die Preisliste hängt an
einer Holztafel und daneben ist die Kasse zum Bezahlen. Schön dass es einen
solchen Selbstbedienungsbar gibt. Hoffentlich bezahlen die Wanderer auch immer
ihre Zeche !!! An dieser Bar hängt auch noch ein Bericht über den Saumweg
über den Pass Diesrut. Vor über 3000 Jahren waren hier bereits bronzezeitliche
Säumer unterwegs. Von den damaligen Menschen wissen wir nur mehr wenig, es
steht allerdings fest, dass in jener Zeit die Alpen zum ersten mal intensiv
begangen wurden. Das wertvolle neue Material, Kupfer lockte die Menschen damals
in die Berge um das Metall abzubauen. Kupfer mit Zinn legiert ergab die gut zu
bearbeitende Bronze. Es gab neue technische Möglichkeiten und die Alpen wurden
als Wirtschaftsraum genutzt. Es entstanden neue Siedlungen und es wurden neue
Handelsverbindungen geknüpft. Früher fürchteten Menschen die schwer
begehbaren Schluchten und wichen über die Pässe aus. Über den Pass Diesrut
führte eine der kürzesten Saumpfade vom Vorderrheintal ins Tessin. Wie wichtig
dieser Weg einmal war, zeigt uns die bronzezeitliche Siedlung von Crestaulta.
Diese lag nur wenige hundert Meter neben der Ortschaft Surin.
Nach der Stärkung ging es weiter hinab bis in das Örtchen Puzzatsch. Dort
konnten wir beobachten wie am gegenüberliegenden Berghang eine Herde Ziege
über unglaublich unwegsames Gelände heim in den Stall zum Melken getrieben
wurde. Außerdem haben wir dort noch die kleine Kirche besichtigt. Dann war es
nicht mehr weit bis zu unserer Unterkunft in San Guisep, 1.598m. In der Ustria
Tgamanada hat es mir sehr gut gefallen und die Wirtsleute waren sehr freundlich.
Zum Abendessen bekamen wir eine Bündner Spezialität, nämlich Capuns. Die
Ustria Tgamanada kann ich auf jeden Fall nur empfehlen !
Zeit: 8-10 Stunden, á1.600
Hm., â1.000
Hm.
Karten:
Schweizer Landeskarten 1:50 000, Blatt 256 - Disentis; Blatt 257 - Safiental
Adressen:
Greina Stiftung
Terri Hütte
Puzzatsch
Ustria/Pensiun Tgamanada
Vrin - S. Giusep
081 931 17 43
Persönliches:
Da ich heute unserer Gruppe die meiste Zeit vorauslief fühlte ich mich in eine
andere Zeit versetzt. Ich stellte mir vor ich bin vor ca. 750-800 Jahren als
Späher vorausgegangen. Ich suchte nach neuem Land zum Siedeln. Ich war gespannt
was sich hinter dem nächsten Pass erwarten würde. Erreiche ich fruchtbaren
Boden, wo ich genug Weiden für mein Vieh bekomme, wo ich genug Wiesen und
Mähder vorfinde um im Winter überleben zu können. Finde ich ein Leben, wo ich
in Freiheit leben kann. Was ist dem kleinen Walser Volk wichtiger wie die
Freiheit ? Was erwartet mich wenn ich über die Pässe laufe ? Finde ich eigenes
Land ? Land das ich bewirtschaften kann, Land das meine Familie ernähren kann ?
Dann sehe ich mich später laufen, wie ich meine Familie geholt habe und ich
führe sie zu einem neuen Land, zu einem neuen Leben. Keiner weiß wie es werden
wird. Ich sehe ein paar Walser Familien mit ihrem Vieh und ihrem Hab und Gut
durch die Greina Ebene ziehen. Ich sehe wie sie ihr Lager aufgeschlagen haben
und auf ein neues, besseres Leben hoffen. Sie haben alles verlassen, doch es
gibt kein zurück mehr. Am nächsten Tag geht es weiter. Auf jedem Pass gibt es
einen Blick zurück, doch dann heißt es nur noch "Gehen wir". Es geht
weiter und der Blick ist nur mehr nach vorne gerichtet. Im Tal unten leben die
fremden Rätoromanen, doch die nächsten Täler sind nicht besiedelt und die
Walser werden die Höhen und Passübergänge besiedeln. Der Zug bewegt sich
weiter, überschreitet Passübergänge, läuft durch Täler. Manche siedeln sich
an, andere haben noch einen weiten Weg vor sich. Doch manche ahnten vermutlich
noch gar nicht, wie weit sie noch nach Nord-Osten kommen würden.