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Der grosse Walserweg

(Grande Sentiero Walser)

(3. Etappe)

Von Airolo bis Thusis (07.07.-13.07.2002)

3. Tag, Di. 09.07.
Schön Wetter, z.T. bedeckt. Am Spätnachmittag gewittrig, es ist aber kein Gewitter gekommen.
Nach einem reichhaltigen Frühstücksbuffet brachte uns ein Kleibus Taxi hinauf zum Lago Luzzone auf 1.590m. Der Fahrer kam zufälligerweise aus Kärnten. Wir geraten hier in der Schweiz an einige Landsleute. Eine Anekdote am Rande. Wir sind in der Früh mit dem Kleinbus losgefahren und dachten, dass alle dabei waren. Plötzlich ist mir aufgefallen, dass unser Alfons fehlt. Tja, dann ging es eben nochmal zurück und unser Alfons war natürlich überhaupt nicht verlegen und liess sich vom Wirt des Albergo Olivone & Posta nachfahren. Tja wenn man zu früh ist wie wir anderen ist man eben auch nicht pünktlich !
Nachdem Stausee ging es dann gleich mal zur Sache. Steiler Aufstieg zur Capanna Motterascio "Michaela". Dort sind wir noch kurz zugekehrt und dann ging es weiter zur Crap la Crusch auf 2.259m. Die berühmte Greina Ebene lag vor uns und beeindruckte uns mit ihrer Weite. 
Die Greina ist eine einzigartige Landschaft im Alpenraum. Solche Hochebenen trifft man ansonsten nur in Kanada, Alaska oder Skandinavien an. Es ist aber gar nicht so selbstverständlich, dass wir dieses Stück Natur durchwandern durften. Es sollte hier ein Riesen großer Stausee entstehen und für viele Kilowattstunden sorgen. Die "armen" Gemeinden Vrin und Sumvitg, in deren Gebiet die Greina gehört hatten bereits die Konzession zur Nutzung der Greina Ebene erteilt. Zum Glück schafften es Naturfreunde dies zu verhindern. Die leidtragenden waren natürlich die kleinen Gemeinden, die stark mit Abwanderung der Einwohner kämpften. Wer mehr über den Kampf um die Erhaltung der Greina Ebene erfahren will kann auf die Homepage der Greina-Stiftung gehen. 
Auf unserer Wanderung ging es weiter über eine eingestürzte Brücke auf die andere Seite des Rhin da Sumtvigt. Dann mussten wir nochmals kräftig bergauf bis zum Pass Disrut, 2.428m. Ein weiter Weg führte uns hinab in das Tal der Lumnezia. Plötzlich stand bei einer Alp am Wegesrand eine Milchbar. Es hängen an Nägeln einige Tassen und es gibt Milch, Joghurt und Honig. Die Preisliste hängt an einer Holztafel und daneben ist die Kasse zum Bezahlen. Schön dass es einen solchen Selbstbedienungsbar gibt. Hoffentlich bezahlen die Wanderer auch immer ihre Zeche !!! An dieser Bar hängt auch noch ein Bericht über den Saumweg über den Pass Diesrut. Vor über 3000 Jahren waren hier bereits bronzezeitliche Säumer unterwegs. Von den damaligen Menschen wissen wir nur mehr wenig, es steht allerdings fest, dass in jener Zeit die Alpen zum ersten mal intensiv begangen wurden. Das wertvolle neue Material, Kupfer lockte die Menschen damals in die Berge um das Metall abzubauen. Kupfer mit Zinn legiert ergab die gut zu bearbeitende Bronze. Es gab neue technische Möglichkeiten und die Alpen wurden als Wirtschaftsraum genutzt. Es entstanden neue Siedlungen und es wurden neue Handelsverbindungen geknüpft. Früher fürchteten Menschen die schwer begehbaren Schluchten und wichen über die Pässe aus. Über den Pass Diesrut führte eine der kürzesten Saumpfade vom Vorderrheintal ins Tessin. Wie wichtig dieser Weg einmal war, zeigt uns die bronzezeitliche Siedlung von Crestaulta. Diese lag nur wenige hundert Meter neben der Ortschaft Surin. 
Nach der Stärkung ging es weiter hinab bis in das Örtchen Puzzatsch. Dort konnten wir beobachten wie am gegenüberliegenden Berghang eine Herde Ziege über unglaublich unwegsames Gelände heim in den Stall zum Melken getrieben wurde. Außerdem haben wir dort noch die kleine Kirche besichtigt. Dann war es nicht mehr weit bis zu unserer Unterkunft in San Guisep, 1.598m. In der Ustria Tgamanada hat es mir sehr gut gefallen und die Wirtsleute waren sehr freundlich. Zum Abendessen bekamen wir eine Bündner Spezialität, nämlich Capuns. Die Ustria Tgamanada kann ich auf jeden Fall nur empfehlen !
Zeit: 8-10 Stunden, á1.600 Hm., â1.000 Hm.

Karten:
Schweizer Landeskarten 1:50 000, Blatt 256 - Disentis; Blatt 257 - Safiental

Adressen:
Greina Stiftung
Terri Hütte
Puzzatsch

Ustria/Pensiun Tgamanada
Vrin - S. Giusep
081 931 17 43

Persönliches: 
Da ich heute unserer Gruppe die meiste Zeit vorauslief fühlte ich mich in eine andere Zeit versetzt. Ich stellte mir vor ich bin vor ca. 750-800 Jahren als Späher vorausgegangen. Ich suchte nach neuem Land zum Siedeln. Ich war gespannt was sich hinter dem nächsten Pass erwarten würde. Erreiche ich fruchtbaren Boden, wo ich genug Weiden für mein Vieh bekomme, wo ich genug Wiesen und Mähder vorfinde um im Winter überleben zu können. Finde ich ein Leben, wo ich in Freiheit leben kann. Was ist dem kleinen Walser Volk wichtiger wie die Freiheit ? Was erwartet mich wenn ich über die Pässe laufe ? Finde ich eigenes Land ? Land das ich bewirtschaften kann, Land das meine Familie ernähren kann ?
Dann sehe ich mich später laufen, wie ich meine Familie geholt habe und ich führe sie zu einem neuen Land, zu einem neuen Leben. Keiner weiß wie es werden wird. Ich sehe ein paar Walser Familien mit ihrem Vieh und ihrem Hab und Gut durch die Greina Ebene ziehen. Ich sehe wie sie ihr Lager aufgeschlagen haben und auf ein neues, besseres Leben hoffen. Sie haben alles verlassen, doch es gibt kein zurück mehr. Am nächsten Tag geht es weiter. Auf jedem Pass gibt es einen Blick zurück, doch dann heißt es nur noch "Gehen wir". Es geht weiter und der Blick ist nur mehr nach vorne gerichtet. Im Tal unten leben die fremden Rätoromanen, doch die nächsten Täler sind nicht besiedelt und die Walser werden die Höhen und Passübergänge besiedeln. Der Zug bewegt sich weiter, überschreitet Passübergänge, läuft durch Täler. Manche siedeln sich an, andere haben noch einen weiten Weg vor sich. Doch manche ahnten vermutlich noch gar nicht, wie weit sie noch nach Nord-Osten kommen würden. 

weiter zum 4. Tag, Mi. 10.07.2002