17.03.2001
4.20 Uhr: Der Wecker klingelt. Heute ist der große Tag. Aufstehen, waschen, Kontaktlinsen rein, trinken (Wasser mit Magnesium). Der Blick aus dem
Fenster, es ist schönstes Wetter aber kalt - 12° C. Die erste bange Frage -
hoffentlich ist der Ski nicht zu warm gewachst. Erich fährt mich mit dem
VW-Bus zur Bushaltestelle in Rømåsen. Dort sind schon mehrer "Birkebeiner"
und warten auf den Bus nach Rena.
Ein Norweger spricht mich an, doch leider kann ich Ihn trotz meiner
inzwischen nicht mehr so schlechten Sprachkenntnisse nicht verstehen u. ich
sage ihm dass ich nicht aus Norwegen komme. Er spricht aber auch sehr gut
deutsch u. wir unterhalten uns ein wenig über das Birkebeiner-Rennen.
Um kurz nach 5 Uhr kommt dann endlich der Bus der uns von Sjusjøen (Rømåsen)
nach Rena zum Start des Birkebeiner Rennens fährt. Die Fahrt dauert ca. 2
Stunden und die meisten die im Bus mitfahren frühstücken irgendwann oder
schlafen nochmals.
Mir gehen ziemlich viele Gedanken durch den Kopf. Werde ich die 58 km gut
überstehen ? Es ist das erste Rennen nach sehr langer Zeit über eine längere
Strecke. Vor über zehn Jahren bin ich ein paar mal den Grenzlanglauf in
Hittisau bzw. Balderschwang gelaufen, doch was erwartet mich heute ? War das
Training ausreichend ? Bin ich die letzten Tage zuviel gelaufen ? Was
erwartet mich beim Wachsen (Steigwachs), wo der Start auf 280 m ü.d.M., der
höchste Punkt auf 910 m u. das Ziel auf 480 m liegt ? Wieso tue ich mir das
an, wo ich doch hier keinen Menschen kenne ?
Irgendwann fahren wir dann durch das Østerdalen. Man sieht eine Ewigkeit
nichts anderes wie Wald, Wald nochmals Wald und die Straße die hier
durchführt. Diese Gegend erinnert mich an die aller ersten Anfänge zu meinem
Bezug zu Norwegen und auch wieso ich mir das alles antue.
Als Jugendlicher, vielleicht war ich 12, 13 oder 14 so genau kann ich es
nicht mehr sagen, finde ich ein Buch bei uns in der Stube. Der Titel "und
ewig singen die Wälder" von Trygve Gulbranssen. Ich lese dieses Buch und
seit dieser Zeit bin ich von dem Begriff Norwegen gefesselt. Es entsteht ein
Traum irgendwann einmal dieses Land zu bereisen und ich will über das Land
Norwegen alles wissen und bin wie elektrisiert wenn ich etwas über das Land
höre.
Ein paar Jahre später sprechen Marcus Rietzler, Poldi Schwaiger und noch ein
paar vom Langlauf-Team des Ski-Club Kleinwalsertal über den Vasa-Lauf und
dass wir diesen irgendwann einmal mitmachen wollen. Für mich als
Norwegen-Fan kam dabei der Birkebeiner in den Sinn und vor allem faszinierte
mich daran, dass man dort einen Rucksack mitnehmen muss. Auf jeden Fall
entstand da der Traum eines Tages das Birkebeiner-Rennet mitzumachen.
Es vergehen die Jahre und oft war ich schon am eine Route durch Norwegen
planen. Oft habe ich daran gedacht wie ich da hoch kommen könnte. Irgendwie
war es aber immer nur ein planen. Jeder der mich besser kannte, wusste dass
eine Norwegen Reise mein Traum ist. Eines Tages dachte ich mir, dass ich vom
Traum allein niemals nach Norwegen kommen werde und fragte einfach ein paar
Leute, ob sie Lust hätten eine Reise dorthin zu machen. Tatsächlich gab es
dann ein paar Interessenten. Übrig blieb dann der Markus Huber, bei den
anderen (Daniela u.Wolfi) konnten wir leider die Zeit nicht
unter einen Hut bringen. Im Sommer 1998 war es dann endlich so weit und ich
fuhr mit Markus Huber 3 Wochen nach Norwegen. Ein Traum ist in Erfüllung
gegangen. (Daniela u. Wolfi sind übrigens im gleichen Jahr auch nach
Norwegen nur 1 Monat später).
Nachdem ich das Langlaufen seit 1991 als ich aus dem Junioren-Bereich in die
Allgemeine Klasse gekommen war nur mehr sporadisch betrieb dachte ich lange
Zeit nicht mehr an ein Rennen. Das einzige Rennen das ich bestritt war über
Jahre hinweg nur die Vereinsmeisterschaft. In der Saison 1996/1997 fange ich
an wieder ein bisschen mehr zu laufen und in der Saison 1998/1999,
vermutlich nach dem Eindruck von der Norwegenreise geht es dann langsam
wieder bergauf mit dem Langlaufen. Irgendwann in dieser Zeit kommt dann das
Birkebeiner-Rennet in Erinnerung. Im Volkslauf-Kalender 1999/2000 für die
Langläufer finde ich dann noch verschiedene andere Läufe in Norwegen. Also
schicke ich ein paar Briefe und fordere Ausschreibungen an. Jetzt kam das
Problem mit wem soll ich denn dort hinfahren ? Als erstes fiel mir Alwin
Moosbrugger ein. Er hatte in den letzten Jahren ein wenig zum Langlauf
gefunden und einiges dazu gelernt. Auf jeden Fall war er nicht ganz
abgeneigt und ich zeigte ihm ein paar Läufe und Streckenprofile. Da ihm das
Profil vom Birkebeiner ziemlich heftig vorkam liebäugten wir mit dem
Holmenkollen-Marsjen, wo das Streckenprofil nicht so heftig ist und das Rennen dazu noch ein paar Kilometer kürzer ist. Leider klappte es dann mit Alwin
aus beruflichen Gründen nicht. Doch in meinem Kopf hatte es sich einfach
festgesetzt, dass ich einmal ein Rennen da oben laufen will.
So trainierte ich im Sommer 2000 schon ganz gezielt auf die Wintersaison,
bestritt zwei Bergläufe (Stuiben-Berglauf u. den Matterhornlauf in Zermatt
mit Alwin) und einen Crosslauf in Schöllang.
Im Herbst ging dann wieder die Suche los wer mitfahren könnte. Alwin musste
leider beruflich absagen und nun stand ich wieder da. Da ich dann doch nicht
alleine fahren wollte inserierte ich im Walser für das Birkebeiner-Rennen
und in verschiedenen Langlauf-Foren im Internet aber es meldete sich
niemand. Irgendwann dachte ich mir dann jetzt ist es mir egal und ich fahre
alleine und wollte schon einen Flug nach Oslo buchen. Da kam mir die Idee,
dass ich noch im Allgäuer inserieren könnte. Die Annonce schrieb ich dann
etwas allgemein über Langlaufen in Lillehammer bzw. Sjusjoen und wer Lust
hat könne auch beim Birkebeiner-Rennen mitmachen. Was ich nicht erwartet
habe, es meldete sich doch tatsächlich jemand.
So kam es, dass Thomas Langer, Erich u. Rosi Kremser und ich am 08.03.2001 mit einem VW-Camping Bus nach Norwegen
fuhren. In Sjusjøen
(ca. 20 km von Lillehammer) mieteten wir eine Hütte und waren schon eine
ganze Woche am Langlaufen, bevor heute das Rennen startet. Thomas, Erich u.
Rosi sind alles Skater und aus diesem Grund nehmen sie nicht am Rennen teil,
werden aber in Lillehammer auf mich warten.
Um etwas nach 7 Uhr kommen wir in Rena im Ortszentrum an. Was soll ich jetzt
noch machen, da mein Start ja erst um 10 Uhr ist ? Eigentlich wollte ich ja
die Elite-Läufer starten sehen, die um 8 Uhr starten, doch da es immer noch
relativ kalt ist überlege ich mir es anders und ich halte mich in dem
Gebäude auf, wo die Startnummern ausgeteilt werden. (Meine eigene
Startnummer (3145) habe ich bereits gestern in Lillehammer geholt). In diesem
Gebäude packe ich dann noch mein Frühstück aus und verspeise langsam mein
Nutellabrot und trinke so viel ich um diese Zeit schon kann. Dann habe ich
den Chip für die Zeitmessung noch befestigt, mein Gepäck für die Rückfahrt
nach Lillehammer gekennzeichnet, die Langlaufschuhe angezogen, u.s.w. Dann
ging es irgendwann hinaus und ich fuhr mit dem Shuttle-Bus zum Startplatz
nach Kløvstadjordet. Bei dieser Fahrt kamen wir nur im Schritttempo voran da
ein riesiger Stau herrschte. Kein Wunder, wenn um die 10.000 Läufer an so
einem Lauf teilnehmen wollen. Ein Stau ist in Norwegen schon etwas
besonderes und das kann natürlich fast nur bei einem Langlauf-Rennen sein.
Das gute am Stau war, dass es im Bus warm war und ich wieder Zeit gewonnen
habe um nicht so lange im Kalten stehen zu müssen. In Kløvstadjordet wimmelt
es nur so von Läufern. Da sind Ski-Clubs mit ganzen Bussen angekommen und es
herrscht eine Hektik beim Wachsen. Ich sehe mir als erstes die Spur an und
sehe dass man hier mit Hartwachs auskommt. Die meisten wachsen Swix blau.
Hier gibt es auch ziemlich viele Wachsstände, wo man sich die Ski wachsen
lassen kann. Ein toller Service. Ich finde ein Schild auf dem vær (=Wetter)
mit verschiedenen Temperaturangaben von verschiedenen Stellen des Laufes und
flott forhold over fjellet (soviel wie tolle Verhältnisse über das Gebirge)
steht. Wie fast alle anderen wachse ich auch blau Hartwachs. Ich trage erst mal zwei Schichten auf und teste den Ski in der
ausgeschilderten "Warm-Lauf-Loipe". Hier tummeln sich bereits jede
Menge
Läufer und testen ihre Ski. Das Steigwachs ist genial nur stelle ich fest
dass meine Ski doch etwas langsamer sind wie von einigen anderen. Er ist
zwar nicht der langsamste Ski aber gehört sicher eher zu den langsameren
Ski. Da kann man jetzt nichts mehr machen, wenn man nur 1 Paar Ski dabei
hat. Ich trage auf jeden Fall noch drei Schichten blau auf, weil ich eher
ein Stiegläufer bin und auch Angst habe, dass für die letzten Anstiege vor
dem Birkebeiner-Stadion kein Steigwachs mehr drauf habe und auch Angst habe,
dass dort vielleicht Klisterverhältnisse herrschen könnten.
Nach Aufwärmübungen und noch ein paar langsamen Aufwärmrunden und dem letzten
Klogang begebe ich mich dann um 9.50 Uhr zum Startgelände. Da bei diesem
Rennen nicht alle 10.000 auf einmal starten, sondern jede Altersklasse männlich u. weiblich zusammen hält sich das Gedränge in Grenzen. Ich bin
auch noch relativ früh dran und reihe mich, da es heißt, dass die schnellen
sich links und die langsamen sich rechts einreihen sollen in der Mitte ein
und stehe so in der vierten oder fünften Reihe hinter ein paar norwegischen
Mädchen, die recht flott aussehen ein. Langsam aber sicher füllt sich der
Startraum und am Ende sind es in der Klasse M3 so um die 1.000 Läufer die im
Startbereich stehen. Vor, neben und hinter mir wimmelt es nur so von
Langläufern. Jeder hat so seine eigenen Erwartungen, die einen laufen um den
Sieg mit, die anderen wollen die Makstid (nicht mehr wie 25% hinter der Zeit
der besten fünf zu sein) erreichen, manche ihre Zeit aus den Vorjahren
verbessern und andere einfach nur irgendwie ins Ziel kommen. Mein Ziel ist
im Prinzip die Makstid, wofür man ein Diplom erhält, zu erreichen. Im
Vorjahr war diese bei ca. 4 Stunden und so ist mein Ziel eben unter diese 4
Stunden zu kommen. Nach langen Berechnungen kam ich zu der Auffassung, dass
es in meinen Möglichkeiten liegen müsste zwischen 3.30 und 4 Stunden laufen
zu können.
Überall um mich herum herrscht ein freundlicher Ton und man hört von allen
Seiten ein Lykke til oder Lykke til over fjellet. Dann ist es endlich so
weit und alle konzentrieren sich auf den Startschuß, der dann auch um 10 Uhr
erfolgt.
Nur nicht zu schnell beginnen und so schnell wie möglich einen Rhythmus
finden. Nach einer Zeit werden die Spuren weniger und man muss schauen, dass
man die Spuren so wechselt, dass man hinter einer ungefähr gleich starken
Gruppe laufen kann, sonst verliert man ziemlich schnell viele Plätze. Es
herrscht auf jeden Fall ein ziemliches Gedränge, aber man nimmt so viel
Rücksicht, dass keinem ein Stock oder Ski bricht und es lauft einem keiner
die ganze Zeit auf den Ski-Enden herum, wie ich es schon öfter in unseren
Breitengraden erlebt habe.
Ich laufe eine Weile lang hinter drei vier Läufern her, mit denen wir einige
überholen, die anscheinend eine bessere Startposition erwischten. Wenn es
stark anstieg waren sie mir eigentlich zu langsam aber ich dachte mir fange
nicht zu schnell an. Mit der Zeit war es aber nervig den Schwung nicht ganz
durchzuziehen und ich überholte die Gruppe rechts, was keine so besonders
gute Idee war, weil da zwischendurch immer wieder langsamere Gruppen
unterwegs waren und mich zu Spurwechseln zwang und ich eine Weile brauchte bis
ich wieder in die linken Spuren kam. Mit der Zeit habe ich dann einen guten
Rhythmus gefunden. Nach ein paar Kilometern kamen dann plötzlich relativ
langsame Läufer, die ich überholte und ich habe mich erst gewundert, wie die
so schnell vom Start weggekommen sind. Doch es war mir dann bald klar, dass
diese Läufer aus der Klasse M4 kamen, die eine viertel Stunde vor uns
gestartet waren.
Nach ca. 10 km Anstieg kam dann die erste
Verpflegungsstation, wo ich 2 Becher Getränke im Vorbeilaufen mitnahm und
irgendwann dort war auch die erste Zwischenzeit. Ich lag mit etwas über 43
Minuten (ca. 130. Platz) ungefähr 2 Minuten unter dem Sollplan, den ich
mir erstellt habe um die Makstid zu erreichen. Dann ging es eine Weile
relativ flach dahin und ich merkte schon, dass ich da in den Abfahrten und
flachen Stücken ziemlich viel Zeit liegen lassen würde, da die meisten
Norweger verdammt schnelle Ski hatten. Auf jeden Fall verlor ich da meine
Gruppe. Zum Glück ging es dann bald wieder bergauf und das zum Teil ziemlich
heftig. Irgendwo in diesem Stück holte ich meine alten Begleiter wieder ein
und überholte sie auch gleich. Auf dem Dølfjell 820m ü.d.M. war vorerst der
höchste Punkt und es folgte erst mal eine kurze steile Abfahrt, in der schon
wieder einige an mir vorbeipfiffen. Dann ging es eine Ewigkeit relativ
flach, bzw. leicht ansteigend. Dort kommt von hinten plötzlich wieder die
Gruppe in der ich schon ein paar mal mitgelaufen bin und dieses mal kann ich
dranbleiben. Man lauft inzwischen in einem offenen Gebirgsgelände und es
bläst ziemlich der Wind.
Von weitem kann man schon den nächsten Gipfel das
Raufjell (880 m ü.d.M.) sehen und man sieht auf der ganzen Strecke Massen
von Langläufern auf den 6-8 Spuren. Das war ein Bild, das ich nicht so
schnell wieder vergessen werde. Hier meinte man wirklich man könne die knapp
10.000 Läufer in einer Schlange über das Gebirge ziehen sehen. Auf diesem
Teilabschnitt kamen dann plötzlich die schnellsten Läufer aus der Klasse M2
(20-24 Jahre). Verrückt wie diese laufen und vor allem haben sie
Wahnsinns-Ski unter den Füßen. Ich kann aber nicht klagen, es ist nicht der
schnellste Ski aber dafür passt das Steigwachs.
Unsere Gruppe kämpft sich in der ganz linken bzw. 2. Spur von links nach
vorne,
da man ja unzählige Läufer aus den vorher gestarteten Klassen überholen muss.
Normal lauft man in der ganz linken, doch manchmal kommen die stärksten Läufer
der
Klasse M2 und rufen einen aus der Spur. Der Rhythmus stimmt super und man merkt,
dass
die erfahrenen Läufer jetzt das Tempo anziehen. So lange es relativ eben ist
verliere ich etwas den Anschluss, doch dann wird der Anstieg wieder steiler
und ich mache wieder Boden gut. Hinter mir hat sich inzwischen auch eine
Gruppe gebildet. Ich drehe mich um und stelle fest dass sich eine ganze
Schlange in der ganz linken Spur hinter mir gebildet hat. Da ich der erste
der Schlange bin gehe ich aus der Spur und will die hinteren Läufer
vorbeilassen. Diese wollen aber gar nicht und winken mich wieder in die Spur
und ich spüre, dass sie Arbeit haben an mir dran zu bleiben. Das freut mich,
wenn sich Norweger an mir anhängen. An der Strecke sind inzwischen auch
einige Zuschauer und feuern einen an. Nach ca. 23 km haben wir dann das
Raufjell erreicht und nun geht es erst mal ziemlich lange abwärts und leider
muss ich wieder feststellen dass der Ski zu langsam ist. Zumindest fahren
einige an mir vorbei, obwohl ich zum teil schiebe. Nach 31 km und 2 Stunden
20 min. komme ich dann zur Verpflegungsstation in Kvarstaddammen. Auf der
Abfahrt und vor allem in den ebenen Passagen habe ich einige Zeit liegen
lassen (ca.176. Platz), aber immer noch im Zeitplan für die Makstid.
An der Verpflegungsstation herrscht Hochbetrieb und man muss
anstehen dass man an ein Getränk kommt. Da ich mich noch super fühle und
sofort weiter laufen will ist das furchtbar. Nach einer Ewigkeit kam ich
dann doch wirklich an ein Getränk. Eigentlich sollte man mehr trinken, doch
weil es mir zu lang ging lief ich weiter. Von nun ging es wieder bergauf und
eigentlich ist dies ein Teilstück, das mir auf den Leib geschneidert ist.
Trotz der Massen von Zuschauern die inzwischen am Rand standen und Heja Heja
riefen merkte ich plötzlich wie ich schwere Beine bekam. Man lauft und lauft
und plötzlich dachte ich mir "Sch..." ich bin blau. Zwischendurch
dachte ich
daran mir mein Getränk aus dem Rucksack zu holen, doch zum einen will man
nicht stehen bleiben u. zum anderen wusste ich nicht genau wie schwer der
Rucksack war und wollte daher kein Gewicht verlieren. Ich dachte mir nur,
dass ich irgendwie auf das Midtfjell kommen müsse und dann ist der
schlimmste Teil vorbei und vor allem kommt dann die nächste
Verpflegungsstation. Man spürt keine Arme u. keine Hände mehr. Man läuft
einfach wie im Trance dahin und denkt Sch.... ich bin blau.
Irgendwann erholte ich mich dann ein wenig und ich konnte wieder in die ganz
linke Spur und ein paar Plätze gut machen. Die letzten Meter auf das
Midtfjell (910m ü.d.M.) waren nochmals sehr hart doch ich überstand alles
und dann kam noch eine schöne schnelle Abfahrt und dann war nach langer Qual
endlich die Verpflegungsstation da. Ich trank sicher an die 5 Becher
irgendwelche Flüssigkeiten von Wasser bis Saft bis irgendwelche
undefinierbare Flüssigkeiten, nahm mir ein Keks und dann ging es weiter auf
das 7 km fast flache Teilstück bis nach Sjusjøen. Nach zwei oder drei
Kilometer spürte ich plötzlich, dass ich ziemlich nah an einem Krampf war.
Ich nahm etwas Tempo raus und versuchte nur technisch sauber zu laufen.
Jetzt bloß kein Krampf dachte ich mir, bloß kein Krampf, ansonsten ist die
Makstid dahin. Plötzlich war es aber doch so weit und ich musste mal kurz
stehen bleiben. Der Krampf lockerte sich wieder und ich lief etwas langsamer
weiter,
konnte aber wieder einige Läufer überholen. Nur noch bis Sjusjøen
durchhalten und dann hinunter nach Lillehammer dachte ich, nur noch bis
Sjusjøen. Ich schaffe es und dann bin ich kurz vor Sjusjøen, das 45 km
Schild nur noch ein paar Meter von mir entfernt und dann passierte es.
Krämpfe im rechten Waden und im linken Oberschenkel. Schei................... und noch ein paar Fluchwörter kamen mir über die
Lippen. Vielleicht noch ein halber km und ich wäre in der Abfahrt. Ich kann
kein Schritt mehr laufen. Es geht nichts mehr. Werde ich das Rennen
tatsächlich nicht beenden schießt es mir durch den Kopf. Aufgeben gibt es
nicht, aber was soll ich tun ich kann kein Schritt mehr laufen. Ich versuche
die verkrampften Stellen zu massieren. Es nützt nichts, der Krampf löst sich
nicht. Ein paar Meter vor mir hat sich eine Schulklasse zum Zuschauen
positioniert. Die Lehrerin würde mir gerne helfen, doch da kann man nichts
machen. Ich massiere warte, frage mich was ich tun kann. Durch das Ziel
möchte ich schon noch kommen. Nur wie ? Die Makstid und unter 4 Stunden wird
wohl dahin sein. Aber das Ziel das möchte ich noch sehen! Nach einer ewig langen Zeit, ich denke dass es um die 10 min. waren löste sich langsam der
Krampf im rechten Waden. Ich schöpfte wieder Hoffnung. Nur im linken
Oberschenkel der Krampf mag nicht weggehen. Doch irgendwann merke ich dass
sich auch dieser löst. Ich probier zuerst ob ich laufen kann, ja es geht.
Ich schaue dass ich in Rhythmus komme, es funktioniert. Die Schulklasse und
die anderen Mengen Zuschauer die hier herumstehen jubeln und feuern mich
besonders stark an. Das gibt nochmals Mut. Ich kann das Tempo beschleunigen.
Nur nicht nochmals verkrampfen! Ich schaue dass ich technisch sauber laufe,
ich ziehe nicht mehr ganz durch. Nur keinen Krampf mehr. Bis zur
Verpflegungsstation vor muss ich es schaffen, dann kommt die Abfahrt nach
Lillehammer. Ich schaffe es tatsächlich ohne Krampf bis zur
Verpflegungsstation. Dort trinke ich nochmals drei Becher irgendeine
Flüssigkeit. Die Zwischenzeit ist ungefähr 3 Stunden und 21 Minuten. (ca.
Platz 215).
Die Makstid wird dahin sein und die 4 Stunden vermutlich auch. Jetzt zählt
nur noch das Durchkommen. In der Abfahrt verliere ich, obwohl ich die Kurven
sau frech nehme, leider wieder etwas Zeit. Vor allem auf den Flachstücken
habe ich nicht mehr die Kraft vorwärts zu kommen. Ich bekomme noch einen
Krampf irgendwo im linken Schulter bzw. Armbereich und denke mir bekomme ich
jetzt am ganzen Körper Krämpfe. Aber er vergeht gleich mal wieder. Man spürt
eh nichts mehr. Dann kommt das Schild 8 km til mål (8 km zum Ziel). Ich
denke mir noch åtte km til mål und wundere mich dass ich schon norwegisch
denke und schüttle den Kopf.
Dann kommt der Blick auf die Uhr und der
Gedanke. 4 Stunden könnten vielleicht doch noch drin sein. Gib nochmals Gas.
Ich gebe Gas und hole nochmals alles raus was noch in mir steckt. Ich spüre
nichts mehr aber ich laufe so schnell ich noch kann. Hoffentlich bekomme ich
kein Krampf. 5 km til mål. Es kommt jetzt jeden km eine Tafel, das
motiviert. Ich kann noch Vollgas geben es geht hoffentlich ohne Krampf. Die
4 Stunden sind wohl nicht mehr drin, doch knapp drüber. Es kommen einfach zu
viele Flachstücke. 3 km til mål. Die 4 Stunden sind wohl weg, das klappt nur
wenn es fast nur noch abwärts geht, doch ich versuche alles - Vollgas, hole
alles raus was noch geht. 2 km til mål. Die 4 Stunden kann ich abhaken, doch
werde ich nicht viel länger brachen. Gib Gas. Die Kontaktlinse rutscht aus
dem rechten Auge und patscht auf die Langlaufbrillengläser. Wurst nur so
knapp wie möglich über 4 Stunden. 1 km til mål. Man hört bereits den Lärm
aus dem Birkebeinerstadion. Dann kommt der größte Augenblick des Laufes man
läuft in das Birkebeiner-Stadion ein.
In das gleiche Stadion, wie sie 1994 bei der Olympiade eingelaufen sind.
Das ist ein Gefühl das man nicht erzählen kann, sondern erlebt haben muss
!!!!! Es säumen Massen von Zuschauern die Strecke und jubeln den Läufern zu.
Ein Wahnsinnsgefühl - kjempefin! Es beflügelt nochmals. Noch 500 m. Man muss noch zwei
Schleifen im Stadion laufen. Es geht nochmals einen Anstieg hoch. Man spürt
überhaupt
nichts mehr. Es tut weh. Die Stimmung der Zuschauer und das Ziel in der Nähe
beflügelt
nochmals. Ein allerletzter Endspurt und die Gerade zum Ziel in Sicht. Der
Stadionsprecher zählt gerade irgendeine Makstid ab. Das beflügelt auch
nochmals, auch wenn es nicht die eigene ist. Die letzten Doppelstockschübe
und das Ziel ist erreicht. Ich bin nicht mal so sehr erschöpft, nur
glücklich das Ziel trotz den Krampfproblemen erreicht zu haben. Die Zeit für
die 58 km von Rena nach Lillehammer in klassicher Technik ist 4 Stunden 5
Minuten und 10 Sekunden. Platz 224. Die Makstid war 3 Stunden 55 Minuten und
57 Sekunden. Ich weiß nicht so Recht ob ich mich ärgern oder freuen soll.
Ohne Krämpfe wäre die Zeit locker drin gewesen. Auf der anderen Seite bin
ich froh ins Ziel gekommen zu sein. Im Nachhinein wirkt sicher mehr die
Freude am Birkebeiner-Rennet teilgenommen zu haben und ins Ziel gekommen zu
sein. Ein Jugendtraum ist in Erfüllung gegangen und das bei schönstem Wetter
und idealen Schneeverhältnissen. Wenn kann man bei uns daheim schon mit
blauem Hartwachs laufen ? Der Ski war im Prinzip auch O.K. auch wenn er
nicht der Schnellste war.
Ich packe meinen Rucksack aus und hole mein Getränk, das ich gescheiter im Lauf genommen hätte. Rosi, Erich und Thomas habe ich bereits
irgendwo im Zieleinlauf gehört wie sie mich anfeuerten. Jetzt gehe ich
ungefähr in diese Richtung und finde sie tatsächlich gleich. Das Rennen war
hart aber ich bin zufrieden. Wir fahren gleich gemeinsam zur Håkons-Hall wo
ich mein Gepäck von Rena abholen und duschen kann. Wieder herrscht Stau.
Nach dem Duschen müssen wir leider aufbrechen und die Heimreise antreten.
Bei der Heimfahrt kommen dann nochmals Grüße vom Wettkampf, wo ich in beiden
Beinen nochmals Krämpfe bekomme. Doch die Erinnerung an den tollen Wettkampf
lässt dies alles in Vergessenheit geraten. Der einzige Kritikpunkt am
Wettkampf sind die nur 3 Verpflegungsstationen auf der Strecke über 58 km.
Mit einer mehr hätte ich mir vielleicht die Krämpfe gespart. Aber trotz
allem denke ich schon daran einmal wieder an diesem Wettkampf teilzunehmen
und dann sollte die Makstid endlich zu erreichen sein. Noch ist es ein
Traum, doch ich habe langsam begriffen, dass man sich manche Träume auch
erfüllen kann!!!
Ein paar Ergebnisse aus der Klasse M3:
Klasse M3 Menn 25 - 29 år
Makstid: 3.55.57
|
Mellomstider (Zwischenzeiten) |
Skramstadsætra |
Kvarstaddammen |
Sjusjøen |
mål (Ziel) Lillehammer |
| 1. Asgeir Fremstad, Stokke IL | 0.35.49 | 1.43.41 | 2.32.43 | 3.06.15 |
| 2. Morten Eliassen, Runar IL | 0.35.52 | 1.45.28 | 2.34.34 | 3.07.08 |
| 3. Helge Bartnes, Steinkjer Skikl. | 0.36.54 | 1.47.45 | 2.36.09 | 3.09.30 |
| 4. Peder Bogsti, Ottestad IL | 0.36.36 | 1.46.16 | 2.35.57 | 3.10.17 |
| 5. Ulf Brenna, Konsvinger IL | 0.36.27 | 1.45.27 | 2.35.39 | 3.10.36 |
| 221. Roar Lunna, Brøttum IL | 0.46.49 | 2.16.02 | 3.22.07 | 4.04.55 |
| 222. Per Inge Espedal, NTNUI | 0.46.53 | 2.15.17 | 3.21.53 | 4.05.00 |
| 223. Olav Osen, Oslo Politi IL | 0.48.44 | 2.18.23 | 3.23.22 | 4.05.08 |
| 224. Stefan Heim, Østerrike | 0.43.18 | 2.10.11 | 3.21.25 | 4.05.10 |
| 225. Stein Arne Foss | 0.47.23 | 2.16.31 | 3.22.19 | 4.05.34 |
| 226. Ivar Valstad | 0.47.16 | 2.17.18 | 3.23.33 | 4.05.46 |
709 Klassierte in der Klasse M3
Die Elite-Klasse gewann im übrigen bei den Herren einer meiner
Lieblingsläufer, "Birkebeiner-Kongen"
Erling Jevne und bei den Damen eine meiner
Lieblingsläuferinnen
Anita Moen, die wahnsinnig nett ist !!!!
Beide kommen natürlich aus Norwegen.
Link zum Rennen: www.birkebeiner.no
Hier könnte Ihr noch ein paar Bilder vom bzw. um das Rennen herum sehen.
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