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Birkebeiner-Rennet 2001

Ein ganz persönlicher Bericht

 

17.03.2001

4.20 Uhr: Der Wecker klingelt. Heute ist der große Tag. Aufstehen, waschen, Kontaktlinsen rein, trinken (Wasser mit Magnesium). Der Blick aus dem Fenster, es ist schönstes Wetter aber kalt - 12° C. Die erste bange Frage - hoffentlich ist der Ski nicht zu warm gewachst. Erich fährt mich mit dem VW-Bus zur Bushaltestelle in Rømåsen. Dort sind schon mehrer "Birkebeiner" und warten auf den Bus nach Rena.

Ein Norweger spricht mich an, doch leider kann ich Ihn trotz meiner inzwischen nicht mehr so schlechten Sprachkenntnisse nicht verstehen u. ich sage ihm dass ich nicht aus Norwegen komme. Er spricht aber auch sehr gut deutsch u. wir unterhalten uns ein wenig über das Birkebeiner-Rennen. Um kurz nach 5 Uhr kommt dann endlich der Bus der uns von Sjusjøen (Rømåsen) nach Rena zum Start des Birkebeiner Rennens fährt. Die Fahrt dauert ca. 2 Stunden und die meisten die im Bus mitfahren frühstücken irgendwann oder schlafen nochmals.
Mir gehen ziemlich viele Gedanken durch den Kopf. Werde ich die 58 km gut überstehen ? Es ist das erste Rennen nach sehr langer Zeit über eine längere Strecke. Vor über zehn Jahren bin ich ein paar mal den Grenzlanglauf in Hittisau bzw. Balderschwang gelaufen, doch was erwartet mich heute ? War das Training ausreichend ? Bin ich die letzten Tage zuviel gelaufen ? Was erwartet mich beim Wachsen (Steigwachs), wo der Start auf 280 m ü.d.M., der höchste Punkt auf 910 m u. das Ziel auf 480 m liegt ? Wieso tue ich mir das an, wo ich doch hier keinen Menschen kenne ?
Irgendwann fahren wir dann durch das Østerdalen. Man sieht eine Ewigkeit nichts anderes wie Wald, Wald nochmals Wald und die Straße die hier durchführt. Diese Gegend erinnert mich an die aller ersten Anfänge zu meinem Bezug zu Norwegen und auch wieso ich mir das alles antue.
Als Jugendlicher, vielleicht war ich 12, 13 oder 14 so genau kann ich es nicht mehr sagen, finde ich ein Buch bei uns in der Stube. Der Titel "und ewig singen die Wälder" von Trygve Gulbranssen. Ich lese dieses Buch und seit dieser Zeit bin ich von dem Begriff Norwegen gefesselt. Es entsteht ein Traum irgendwann einmal dieses Land zu bereisen und ich will über das Land Norwegen alles wissen und bin wie elektrisiert wenn ich etwas über das Land höre.
Ein paar Jahre später sprechen Marcus Rietzler, Poldi Schwaiger und noch ein paar vom Langlauf-Team des Ski-Club Kleinwalsertal über den Vasa-Lauf und dass wir diesen irgendwann einmal mitmachen wollen. Für mich als Norwegen-Fan kam dabei der Birkebeiner in den Sinn und vor allem faszinierte mich daran, dass man dort einen Rucksack mitnehmen muss. Auf jeden Fall entstand da der Traum eines Tages das Birkebeiner-Rennet mitzumachen.
Es vergehen die Jahre und oft war ich schon am eine Route durch Norwegen planen. Oft habe ich daran gedacht wie ich da hoch kommen könnte. Irgendwie war es aber immer nur ein planen. Jeder der mich besser kannte, wusste dass eine Norwegen Reise mein Traum ist. Eines Tages dachte ich mir, dass ich vom Traum allein niemals nach Norwegen kommen werde und fragte einfach ein paar Leute, ob sie Lust hätten eine Reise dorthin zu machen. Tatsächlich gab es dann ein paar Interessenten. Übrig blieb dann der Markus Huber, bei den anderen (Daniela u.Wolfi) konnten wir leider die Zeit nicht unter einen Hut bringen. Im Sommer 1998 war es dann endlich so weit und ich fuhr mit Markus Huber 3 Wochen nach Norwegen. Ein Traum ist in Erfüllung gegangen. (Daniela u. Wolfi sind übrigens im gleichen Jahr auch nach Norwegen nur 1 Monat später).

Nachdem ich das Langlaufen seit 1991 als ich aus dem Junioren-Bereich in die Allgemeine Klasse gekommen war nur mehr sporadisch betrieb dachte ich lange Zeit nicht mehr an ein Rennen. Das einzige Rennen das ich bestritt war über Jahre hinweg nur die Vereinsmeisterschaft. In der Saison 1996/1997 fange ich an wieder ein bisschen mehr zu laufen und in der Saison 1998/1999, vermutlich nach dem Eindruck von der Norwegenreise geht es dann langsam wieder bergauf mit dem Langlaufen. Irgendwann in dieser Zeit kommt dann das Birkebeiner-Rennet in Erinnerung. Im Volkslauf-Kalender 1999/2000 für die Langläufer finde ich dann noch verschiedene andere Läufe in Norwegen. Also schicke ich ein paar Briefe und fordere Ausschreibungen an. Jetzt kam das Problem mit wem soll ich denn dort hinfahren ? Als erstes fiel mir Alwin Moosbrugger ein. Er hatte in den letzten Jahren ein wenig zum Langlauf gefunden und einiges dazu gelernt. Auf jeden Fall war er nicht ganz abgeneigt und ich zeigte ihm ein paar Läufe und Streckenprofile. Da ihm das Profil vom Birkebeiner ziemlich heftig vorkam liebäugten wir mit dem Holmenkollen-Marsjen, wo das Streckenprofil nicht so heftig ist und das Rennen dazu noch ein paar Kilometer kürzer ist. Leider klappte es dann mit Alwin aus beruflichen Gründen nicht. Doch in meinem Kopf hatte es sich einfach festgesetzt, dass ich einmal ein Rennen da oben laufen will.
So trainierte ich im Sommer 2000 schon ganz gezielt auf die Wintersaison, bestritt zwei Bergläufe (Stuiben-Berglauf u. den Matterhornlauf in Zermatt mit Alwin) und einen Crosslauf in Schöllang.
Im Herbst ging dann wieder die Suche los wer mitfahren könnte. Alwin musste leider beruflich absagen und nun stand ich wieder da. Da ich dann doch nicht alleine fahren wollte inserierte ich im Walser für das Birkebeiner-Rennen und in verschiedenen Langlauf-Foren im Internet aber es meldete sich niemand. Irgendwann dachte ich mir dann jetzt ist es mir egal und ich fahre alleine und wollte schon einen Flug nach Oslo buchen. Da kam mir die Idee, dass ich noch im Allgäuer inserieren könnte. Die Annonce schrieb ich dann etwas allgemein über Langlaufen in Lillehammer bzw. Sjusjoen und wer Lust hat könne auch beim Birkebeiner-Rennen mitmachen. Was ich nicht erwartet habe, es meldete sich doch tatsächlich jemand.

So kam es, dass Thomas Langer, Erich u. Rosi Kremser und ich am 08.03.2001 mit einem VW-Camping Bus nach Norwegen fuhren. In Sjusjøen (ca. 20 km von Lillehammer) mieteten wir eine Hütte und waren schon eine ganze Woche am Langlaufen, bevor heute das Rennen startet. Thomas, Erich u. Rosi sind alles Skater und aus diesem Grund nehmen sie nicht am Rennen teil, werden aber in Lillehammer auf mich warten.
Um etwas nach 7 Uhr kommen wir in Rena im Ortszentrum an. Was soll ich jetzt noch machen, da mein Start ja erst um 10 Uhr ist ? Eigentlich wollte ich ja die Elite-Läufer starten sehen, die um 8 Uhr starten, doch da es immer noch relativ kalt ist überlege ich mir es anders und ich halte mich in dem Gebäude auf, wo die Startnummern ausgeteilt werden. (Meine eigene Startnummer (3145) habe ich bereits gestern in Lillehammer geholt). In diesem Gebäude packe ich dann noch mein Frühstück aus und verspeise langsam mein Nutellabrot und trinke so viel ich um diese Zeit schon kann. Dann habe ich den Chip für die Zeitmessung noch befestigt, mein Gepäck für die Rückfahrt nach Lillehammer gekennzeichnet, die Langlaufschuhe angezogen, u.s.w. Dann ging es irgendwann hinaus und ich fuhr mit dem Shuttle-Bus zum Startplatz nach Kløvstadjordet. Bei dieser Fahrt kamen wir nur im Schritttempo voran da ein riesiger Stau herrschte. Kein Wunder, wenn um die 10.000 Läufer an so einem Lauf teilnehmen wollen. Ein Stau ist in Norwegen schon etwas besonderes und das kann natürlich fast nur bei einem Langlauf-Rennen sein.
Das gute am Stau war, dass es im Bus warm war und ich wieder Zeit gewonnen habe um nicht so lange im Kalten stehen zu müssen. In Kløvstadjordet wimmelt es nur so von Läufern. Da sind Ski-Clubs mit ganzen Bussen angekommen und es herrscht eine Hektik beim Wachsen. Ich sehe mir als erstes die Spur an und sehe dass man hier mit Hartwachs auskommt. Die meisten wachsen Swix blau. Hier gibt es auch ziemlich viele Wachsstände, wo man sich die Ski wachsen lassen kann. Ein toller Service. Ich finde ein Schild auf dem vær (=Wetter) mit verschiedenen Temperaturangaben von verschiedenen Stellen des Laufes und flott forhold over fjellet (soviel wie tolle Verhältnisse über das Gebirge) steht. Wie fast alle anderen wachse ich auch blau Hartwachs. Ich trage erst mal zwei Schichten auf und teste den Ski in der ausgeschilderten "Warm-Lauf-Loipe". Hier tummeln sich bereits jede Menge Läufer und testen ihre Ski. Das Steigwachs ist genial nur stelle ich fest dass meine Ski doch etwas langsamer sind wie von einigen anderen. Er ist zwar nicht der langsamste Ski aber gehört sicher eher zu den langsameren Ski. Da kann man jetzt nichts mehr machen, wenn man nur 1 Paar Ski dabei hat. Ich trage auf jeden Fall noch drei Schichten blau auf, weil ich eher ein Stiegläufer bin und auch Angst habe, dass für die letzten Anstiege vor dem Birkebeiner-Stadion kein Steigwachs mehr drauf habe und auch Angst habe, dass dort vielleicht Klisterverhältnisse herrschen könnten.

Nach Aufwärmübungen und noch ein paar langsamen Aufwärmrunden und dem letzten Klogang begebe ich mich dann um 9.50 Uhr zum Startgelände. Da bei diesem Rennen nicht alle 10.000 auf einmal starten, sondern jede Altersklasse männlich u. weiblich zusammen hält sich das Gedränge in Grenzen. Ich bin auch noch relativ früh dran und reihe mich, da es heißt, dass die schnellen sich links und die langsamen sich rechts einreihen sollen in der Mitte ein und stehe so in der vierten oder fünften Reihe hinter ein paar norwegischen Mädchen, die recht flott aussehen ein. Langsam aber sicher füllt sich der Startraum und am Ende sind es in der Klasse M3 so um die 1.000 Läufer die im Startbereich stehen. Vor, neben und hinter mir wimmelt es nur so von Langläufern. Jeder hat so seine eigenen Erwartungen, die einen laufen um den Sieg mit, die anderen wollen die Makstid (nicht mehr wie 25% hinter der Zeit der besten fünf zu sein) erreichen, manche ihre Zeit aus den Vorjahren verbessern und andere einfach nur irgendwie ins Ziel kommen. Mein Ziel ist im Prinzip die Makstid, wofür man ein Diplom erhält, zu erreichen. Im Vorjahr war diese bei ca. 4 Stunden und so ist mein Ziel eben unter diese 4
Stunden zu kommen. Nach langen Berechnungen kam ich zu der Auffassung, dass es in meinen Möglichkeiten liegen müsste zwischen 3.30 und 4 Stunden laufen zu können.
Überall um mich herum herrscht ein freundlicher Ton und man hört von allen Seiten ein Lykke til oder Lykke til over fjellet. Dann ist es endlich so weit und alle konzentrieren sich auf den Startschuß, der dann auch um 10 Uhr erfolgt.
Nur nicht zu schnell beginnen und so schnell wie möglich einen Rhythmus finden. Nach einer Zeit werden die Spuren weniger und man muss schauen, dass man die Spuren so wechselt, dass man hinter einer ungefähr gleich starken Gruppe laufen kann, sonst verliert man ziemlich schnell viele Plätze. Es herrscht auf jeden Fall ein ziemliches Gedränge, aber man nimmt so viel Rücksicht, dass keinem ein Stock oder Ski bricht und es lauft einem keiner die ganze Zeit auf den Ski-Enden herum, wie ich es schon öfter in unseren Breitengraden erlebt habe.
Ich laufe eine Weile lang hinter drei vier Läufern her, mit denen wir einige überholen, die anscheinend eine bessere Startposition erwischten. Wenn es stark anstieg waren sie mir eigentlich zu langsam aber ich dachte mir fange nicht zu schnell an. Mit der Zeit war es aber nervig den Schwung nicht ganz durchzuziehen und ich überholte die Gruppe rechts, was keine so besonders gute Idee war, weil da zwischendurch immer wieder langsamere Gruppen unterwegs waren und mich zu Spurwechseln zwang und ich eine Weile brauchte bis ich wieder in die linken Spuren kam. Mit der Zeit habe ich dann einen guten Rhythmus gefunden. Nach ein paar Kilometern kamen dann plötzlich relativ langsame Läufer, die ich überholte und ich habe mich erst gewundert, wie die so schnell vom Start weggekommen sind. Doch es war mir dann bald klar, dass diese Läufer aus der Klasse M4 kamen, die eine viertel Stunde vor uns gestartet waren.
Nach ca. 10 km Anstieg kam dann die erste Verpflegungsstation, wo ich 2 Becher Getränke im Vorbeilaufen mitnahm und irgendwann dort war auch die erste Zwischenzeit. Ich lag mit etwas über 43 Minuten (ca. 130. Platz) ungefähr 2 Minuten unter dem Sollplan, den ich mir erstellt habe um die Makstid zu erreichen. Dann ging es eine Weile relativ flach dahin und ich merkte schon, dass ich da in den Abfahrten und flachen Stücken ziemlich viel Zeit liegen lassen würde, da die meisten Norweger verdammt schnelle Ski hatten. Auf jeden Fall verlor ich da meine Gruppe. Zum Glück ging es dann bald wieder bergauf und das zum Teil ziemlich heftig. Irgendwo in diesem Stück holte ich meine alten Begleiter wieder ein und überholte sie auch gleich. Auf dem Dølfjell 820m ü.d.M. war vorerst der höchste Punkt und es folgte erst mal eine kurze steile Abfahrt, in der schon wieder einige an mir vorbeipfiffen. Dann ging es eine Ewigkeit relativ flach, bzw. leicht ansteigend. Dort kommt von hinten plötzlich wieder die Gruppe in der ich schon ein paar mal mitgelaufen bin und dieses mal kann ich dranbleiben. Man lauft inzwischen in einem offenen Gebirgsgelände und es bläst ziemlich der Wind.

Von weitem kann man schon den nächsten Gipfel das Raufjell (880 m ü.d.M.) sehen und man sieht auf der ganzen Strecke Massen von Langläufern auf den 6-8 Spuren. Das war ein Bild, das ich nicht so schnell wieder vergessen werde. Hier meinte man wirklich man könne die knapp 10.000 Läufer in einer Schlange über das Gebirge ziehen sehen. Auf diesem Teilabschnitt kamen dann plötzlich die schnellsten Läufer aus der Klasse M2 (20-24 Jahre). Verrückt wie diese laufen und vor allem haben sie Wahnsinns-Ski unter den Füßen. Ich kann aber nicht klagen, es ist nicht der schnellste Ski aber dafür passt das Steigwachs.
 Unsere Gruppe kämpft sich in der ganz linken bzw. 2. Spur von links nach vorne, da man ja unzählige Läufer aus den vorher gestarteten Klassen überholen muss. Normal lauft man in der ganz linken, doch manchmal kommen die stärksten Läufer der Klasse M2 und rufen einen aus der Spur. Der Rhythmus stimmt super und man merkt, dass die erfahrenen Läufer jetzt das Tempo anziehen. So lange es relativ eben ist verliere ich etwas den Anschluss, doch dann wird der Anstieg wieder steiler und ich mache wieder Boden gut. Hinter mir hat sich inzwischen auch eine Gruppe gebildet. Ich drehe mich um und stelle fest dass sich eine ganze Schlange in der ganz linken Spur hinter mir gebildet hat. Da ich der erste der Schlange bin gehe ich aus der Spur und will die hinteren Läufer vorbeilassen. Diese wollen aber gar nicht und winken mich wieder in die Spur und ich spüre, dass sie Arbeit haben an mir dran zu bleiben. Das freut mich, wenn sich Norweger an mir anhängen. An der Strecke sind inzwischen auch einige Zuschauer und feuern einen an. Nach ca. 23 km haben wir dann das Raufjell erreicht und nun geht es erst mal ziemlich lange abwärts und leider muss ich wieder feststellen dass der Ski zu langsam ist. Zumindest fahren einige an mir vorbei, obwohl ich zum teil schiebe. Nach 31 km und 2 Stunden 20 min. komme ich dann zur Verpflegungsstation in Kvarstaddammen. Auf der Abfahrt und vor allem in den ebenen Passagen habe ich einige Zeit liegen lassen (ca.176. Platz), aber immer noch im Zeitplan für die Makstid. 
An der Verpflegungsstation herrscht Hochbetrieb und man muss anstehen dass man an ein Getränk kommt. Da ich mich noch super fühle und sofort weiter laufen will ist das furchtbar. Nach einer Ewigkeit kam ich dann doch wirklich an ein Getränk. Eigentlich sollte man mehr trinken, doch weil es mir zu lang ging lief ich weiter. Von nun ging es wieder bergauf und eigentlich ist dies ein Teilstück, das mir auf den Leib geschneidert ist.
Trotz der Massen von Zuschauern die inzwischen am Rand standen und Heja Heja riefen merkte ich plötzlich wie ich schwere Beine bekam. Man lauft und lauft und plötzlich dachte ich mir "Sch..." ich bin blau. Zwischendurch dachte ich daran mir mein Getränk aus dem Rucksack zu holen, doch zum einen will man nicht stehen bleiben u. zum anderen wusste ich nicht genau wie schwer der Rucksack war und wollte daher kein Gewicht verlieren. Ich dachte mir nur, dass ich irgendwie auf das Midtfjell kommen müsse und dann ist der schlimmste Teil vorbei und vor allem kommt dann die nächste Verpflegungsstation. Man spürt keine Arme u. keine Hände mehr. Man läuft einfach wie im Trance dahin und denkt Sch.... ich bin blau.
Irgendwann erholte ich mich dann ein wenig und ich konnte wieder in die ganz linke Spur und ein paar Plätze gut machen. Die letzten Meter auf das Midtfjell (910m ü.d.M.) waren nochmals sehr hart doch ich überstand alles und dann kam noch eine schöne schnelle Abfahrt und dann war nach langer Qual endlich die Verpflegungsstation da. Ich trank sicher an die 5 Becher irgendwelche Flüssigkeiten von Wasser bis Saft bis irgendwelche undefinierbare Flüssigkeiten, nahm mir ein Keks und dann ging es weiter auf das 7 km fast flache Teilstück bis nach Sjusjøen. Nach zwei oder drei Kilometer spürte ich plötzlich, dass ich ziemlich nah an einem Krampf war. 
Ich nahm etwas Tempo raus und versuchte nur technisch sauber zu laufen. Jetzt bloß kein Krampf dachte ich mir, bloß kein Krampf, ansonsten ist die Makstid dahin. Plötzlich war es aber doch so weit und ich musste mal kurz stehen bleiben. Der Krampf lockerte sich wieder und ich lief etwas langsamer weiter, konnte aber wieder einige Läufer überholen. Nur noch bis Sjusjøen durchhalten und dann hinunter nach Lillehammer dachte ich, nur noch bis Sjusjøen. Ich schaffe es und dann bin ich kurz vor Sjusjøen, das 45 km Schild nur noch ein paar Meter von mir entfernt und dann passierte es. 
Krämpfe im rechten Waden und im linken Oberschenkel. Schei................... und noch ein paar Fluchwörter kamen mir über die Lippen. Vielleicht noch ein halber km und ich wäre in der Abfahrt. Ich kann kein Schritt mehr laufen. Es geht nichts mehr. Werde ich das Rennen tatsächlich nicht beenden schießt es mir durch den Kopf. Aufgeben gibt es nicht, aber was soll ich tun ich kann kein Schritt mehr laufen. Ich versuche die verkrampften Stellen zu massieren. Es nützt nichts, der Krampf löst sich nicht. Ein paar Meter vor mir hat sich eine Schulklasse zum Zuschauen positioniert. Die Lehrerin würde mir gerne helfen, doch da kann man nichts machen. Ich massiere warte, frage mich was ich tun kann. Durch das Ziel möchte ich schon noch kommen. Nur wie ? Die Makstid und unter 4 Stunden wird wohl dahin sein. Aber das Ziel das möchte ich noch sehen! Nach einer ewig langen Zeit, ich denke dass es um die 10 min. waren löste sich langsam der
Krampf im rechten Waden. Ich schöpfte wieder Hoffnung. Nur im linken Oberschenkel der Krampf mag nicht weggehen. Doch irgendwann merke ich dass sich auch dieser löst. Ich probier zuerst ob ich laufen kann, ja es geht. 
Ich schaue dass ich in Rhythmus komme, es funktioniert. Die Schulklasse und die anderen Mengen Zuschauer die hier herumstehen jubeln und feuern mich besonders stark an. Das gibt nochmals Mut. Ich kann das Tempo beschleunigen. Nur nicht nochmals verkrampfen! Ich schaue dass ich technisch sauber laufe, ich ziehe nicht mehr ganz durch. Nur keinen Krampf mehr. Bis zur Verpflegungsstation vor muss ich es schaffen, dann kommt die Abfahrt nach Lillehammer. Ich schaffe es tatsächlich ohne Krampf bis zur Verpflegungsstation. Dort trinke ich nochmals drei Becher irgendeine Flüssigkeit. Die Zwischenzeit ist ungefähr 3 Stunden und 21 Minuten. (ca. Platz 215).
Die Makstid wird dahin sein und die 4 Stunden vermutlich auch. Jetzt zählt nur noch das Durchkommen. In der Abfahrt verliere ich, obwohl ich die Kurven sau frech nehme, leider wieder etwas Zeit. Vor allem auf den Flachstücken habe ich nicht mehr die Kraft vorwärts zu kommen. Ich bekomme noch einen Krampf irgendwo im linken Schulter bzw. Armbereich und denke mir bekomme ich jetzt am ganzen Körper Krämpfe. Aber er vergeht gleich mal wieder. Man spürt eh nichts mehr. Dann kommt das Schild 8 km til mål (8 km zum Ziel). Ich denke mir noch åtte km til mål und wundere mich dass ich schon norwegisch denke und schüttle den Kopf.

Dann kommt der Blick auf die Uhr und der Gedanke. 4 Stunden könnten vielleicht doch noch drin sein. Gib nochmals Gas. Ich gebe Gas und hole nochmals alles raus was noch in mir steckt. Ich spüre nichts mehr aber ich laufe so schnell ich noch kann. Hoffentlich bekomme ich kein Krampf. 5 km til mål. Es kommt jetzt jeden km eine Tafel, das motiviert. Ich kann noch Vollgas geben es geht hoffentlich ohne Krampf. Die 4 Stunden sind wohl nicht mehr drin, doch knapp drüber. Es kommen einfach zu viele Flachstücke. 3 km til mål. Die 4 Stunden sind wohl weg, das klappt nur wenn es fast nur noch abwärts geht, doch ich versuche alles - Vollgas, hole alles raus was noch geht. 2 km til mål. Die 4 Stunden kann ich abhaken, doch werde ich nicht viel länger brachen. Gib Gas. Die Kontaktlinse rutscht aus dem rechten Auge und patscht auf die Langlaufbrillengläser. Wurst nur so knapp wie möglich über 4 Stunden. 1 km til mål. Man hört bereits den Lärm aus dem Birkebeinerstadion. Dann kommt der größte Augenblick des Laufes man läuft in das Birkebeiner-Stadion ein.

In das gleiche Stadion, wie sie 1994 bei der Olympiade eingelaufen sind. Das ist ein Gefühl das man nicht erzählen kann, sondern erlebt haben muss !!!!! Es säumen Massen von Zuschauern die Strecke und jubeln den Läufern zu. Ein Wahnsinnsgefühl - kjempefin! Es beflügelt nochmals. Noch 500 m. Man muss noch zwei Schleifen im Stadion laufen. Es geht nochmals einen Anstieg hoch. Man spürt überhaupt nichts mehr. Es tut weh. Die Stimmung der Zuschauer und das Ziel in der Nähe beflügelt nochmals. Ein allerletzter Endspurt und die Gerade zum Ziel in Sicht. Der Stadionsprecher zählt gerade irgendeine Makstid ab. Das beflügelt auch nochmals, auch wenn es nicht die eigene ist. Die letzten Doppelstockschübe und das Ziel ist erreicht. Ich bin nicht mal so sehr erschöpft, nur glücklich das Ziel trotz den Krampfproblemen erreicht zu haben. Die Zeit für die 58 km von Rena nach Lillehammer in klassicher Technik ist 4 Stunden 5 Minuten und 10 Sekunden. Platz 224. Die Makstid war 3 Stunden 55 Minuten und 57 Sekunden. Ich weiß nicht so Recht ob ich mich ärgern oder freuen soll.
Ohne Krämpfe wäre die Zeit locker drin gewesen. Auf der anderen Seite bin ich froh ins Ziel gekommen zu sein. Im Nachhinein wirkt sicher mehr die Freude am Birkebeiner-Rennet teilgenommen zu haben und ins Ziel gekommen zu sein. Ein Jugendtraum ist in Erfüllung gegangen und das bei schönstem Wetter und idealen Schneeverhältnissen. Wenn kann man bei uns daheim schon mit blauem Hartwachs laufen ? Der Ski war im Prinzip auch O.K. auch wenn er nicht der Schnellste war.
Ich packe meinen Rucksack aus und hole mein Getränk, das ich gescheiter im Lauf genommen hätte. Rosi, Erich und Thomas habe ich bereits irgendwo im Zieleinlauf gehört wie sie mich anfeuerten. Jetzt gehe ich ungefähr in diese Richtung und finde sie tatsächlich gleich. Das Rennen war hart aber ich bin zufrieden. Wir fahren gleich gemeinsam zur Håkons-Hall wo ich mein Gepäck von Rena abholen und duschen kann. Wieder herrscht Stau.
Nach dem Duschen müssen wir leider aufbrechen und die Heimreise antreten. 
Bei der Heimfahrt kommen dann nochmals Grüße vom Wettkampf, wo ich in beiden Beinen nochmals Krämpfe bekomme. Doch die Erinnerung an den tollen Wettkampf lässt dies alles in Vergessenheit geraten. Der einzige Kritikpunkt am Wettkampf sind die nur 3 Verpflegungsstationen auf der Strecke über 58 km.
Mit einer mehr hätte ich mir vielleicht die Krämpfe gespart. Aber trotz allem denke ich schon daran einmal wieder an diesem Wettkampf teilzunehmen und dann sollte die Makstid endlich zu erreichen sein. Noch ist es ein Traum, doch ich habe langsam begriffen, dass man sich manche Träume auch erfüllen kann!!!

Ein paar Ergebnisse aus der Klasse M3:

Klasse M3        Menn 25 - 29 år            Makstid: 3.55.57

Mellomstider (Zwischenzeiten)

Skramstadsætra

Kvarstaddammen

Sjusjøen

mål (Ziel)    Lillehammer

1. Asgeir Fremstad, Stokke IL 0.35.49 1.43.41 2.32.43 3.06.15
2. Morten Eliassen, Runar IL 0.35.52 1.45.28 2.34.34 3.07.08
3. Helge Bartnes, Steinkjer Skikl. 0.36.54 1.47.45 2.36.09 3.09.30
4. Peder Bogsti, Ottestad IL 0.36.36 1.46.16 2.35.57 3.10.17
5. Ulf Brenna, Konsvinger IL 0.36.27 1.45.27 2.35.39 3.10.36
         
221. Roar Lunna, Brøttum IL 0.46.49 2.16.02 3.22.07 4.04.55
222. Per Inge Espedal, NTNUI 0.46.53 2.15.17 3.21.53 4.05.00
223. Olav Osen, Oslo Politi IL 0.48.44 2.18.23 3.23.22 4.05.08
224. Stefan Heim, Østerrike 0.43.18 2.10.11 3.21.25 4.05.10
225. Stein Arne Foss 0.47.23 2.16.31 3.22.19 4.05.34
226. Ivar Valstad 0.47.16 2.17.18 3.23.33 4.05.46

709 Klassierte in der Klasse M3

Die Elite-Klasse gewann im übrigen bei den Herren einer meiner Lieblingsläufer, "Birkebeiner-Kongen" 
Erling Jevne
und bei den Damen eine meiner Lieblingsläuferinnen Anita Moen, die wahnsinnig nett ist !!!! 
Beide kommen natürlich aus Norwegen.

Link zum Rennen: www.birkebeiner.no

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